Psyche und Kunst

Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen bieten viel Stoff für künstlerische Auseinandersetzungen. Auf dem DGPPN Kongress 2018 erhalten sie eine eigene Plattform. Ausstellungen, Filmvorführungen und Lesungen sind fester Bestandteil des vielfältigen Programms. Einen ersten Vorgeschmack haben wir hier zusammengestellt. Alle Zeiten und Räume finden Sie im Online-Programm.

Ausstellung „Gesicht zeigen“

28.11.–01.12.2018 I ganztags I Halle B

Die Bildstrecke „Gesicht zeigen“ ist aus der Idee entstanden, betroffenen Menschen mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit zu schenken, also in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Initiiert wurde diese Bildserie durch das „Projekt Kernbach“. Hier wohnen Menschen verschiedener Generationen und unterschiedlicher Hilfebedarfe gemeinsam mit den Projektleitern und ihren Familien in der Hofgemeinschaft Kernbach. Getragen wird „Projekt Kernbach“ vom St. Elisabeth-Verein e. V. Marburg.

Umgesetzt wurde dieses Fotokunstprojekt von Matthias Schüßler. Er zeigt nicht nur Fotografien von Menschen mit psychischen Erkrankungen, sondern auch von derzeit nicht betroffenen Personen. Einige der Abgebildeten sind Angehörige oder Menschen, die beruflich mit Erkrankten arbeiten. Gemeinsam ist allen der Wunsch, die Barrieren zwischen „gesund“ und „krank“ infrage zu stellen und für eine gesellschaftliche Akzeptanz psychisch erkrankter Menschen einzutreten. Der Ton, der beim Trocknen Risse bildet, sei ganz bewusst gewählt, so Schüßler, da er im Erscheinungsbild den Menschen in seiner Verletzlichkeit zeige und auf seine Vergänglichkeit hinweise. 

Ausstellung „Der Traum vom Fliegen – Eine Begegnung mit Gustav Mesmer“

28.11.–01.12.2018 I ganztags I Halle B

Gustav Mesmer war Handwerker, Erfinder, Künstler  – und Psychiatrie-Erfahrener. Sein Traum war es, aus eigener Kraft von Dorf zu Dorf fliegen zu können. Alle lachten ihn deswegen aus. Nachdem er 6 Jahre lang als Novize in einem Kloster gelebt und gearbeitet hatte, dort aber nicht als Mönch aufgenommen worden war, störte er 1929 die Konfirmationsfeier in einer Kirche und wurde deshalb in die Psychiatrie eingewiesen; bis 1964 blieb er Patient in Heil- und Pflegeanstalten Süddeutschlands. Immer wieder bat er die Ärzte um Entlassung, mehrmals versuchte er wegzulaufen, aber niemand setzte sich für ihn ein – ein typisches Schicksal seiner Zeit. Erst 35 Jahre nach seiner Einlieferung wurde Gustav Mesmer entlassen und in ein Altersheim verlegt. Dort bekam er eine eigene Werkstatt, um in seinem „Brotberuf“ Körbe zu flechten, wo er aber auch seine vielen Flug-Ideen verfolgen konnte. Er baute Flugfahrräder und andere Flugobjekte, aber auch Musikinstrumente, und zeichnete dazu hunderte von Skizzen. Mit seinen Flugfahrrädern wurde er als Ikarus vom Lautertal populär; heute ist er einer der bekanntesten deutschen Künstler der Outsider Art/Art brut.

Die damalige Fotografie-Schülerin Nicole Becker war von der Geschichte dieses außergewöhnlichen Menschen und Außenseiterkünstlers so fasziniert, dass sie Gustav Mesmer 1988 in seiner Werkstatt auf der Schwäbischen Alb drei Tage lang mit ihrer Kamera in seinem Arbeitsalltag portraitierte. Gemeinsam mit Dr. Wolfram Voigtländer, Psychiater und Psychotherapeut, der sich mit den kreativen Potenzialen psychisch Kranker beschäftigt, stellt sie nun diese beeindruckenden Fotografien in einer Ausstellung der Öffentlichkeit vor.

Es findet ein Begleitsymposium statt.
 

Ausstellung „Verortungen der Seele: Psychiatriemuseen in Österreich, der Schweiz und Deutschland“

28.11.–01.12.2018 I ganztags I Halle B

Wer schon einmal zwei oder drei dieser Museen besucht hat, wird feststellen, dass sie sich sehr unterschiedlich präsentieren. Verschiedene Themen wie Behandlungsmethoden, Diagnosepraxis, Krankheitsbilder, besondere Persönlichkeiten und bestimmtes Zeitgeschehen werden fokussiert. Immer sind auch die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Nerven- und Seelenheilkunde stattfand, bedeutsam oder auch die jeweiligen Architekturen, wo dies geschah.

Die Aufgabe dieser Museen ist in erster Hinsicht die Aufklärung der interessierten Besucher über unser ungeheuer spannendes Fachgebiet. Neben der pädagogischen Vermittlung sind die Konservierung der Exponate und Forschungsvorhaben weitere Aufgaben der Psychiatriemuseen, die miteinander vernetzt kooperieren, um gemeinsame Ausstellungen, Wanderausstellungen und Veröffentlichungen zu realisieren.

Auch die internationale Zusammenarbeit mit ca. dreißig weiteren europäischen Psychiatriemuseen hat bereits zu einigen spannenden Kooperationen geführt. Gemeinsame Projekte betreffen unter vielem anderen die nationalsozialistischen Verbrechen, antike Vorstellungen zur Seele, Art Brut, die Psychiatrie in Entwicklungsländern und Psychiatrie im Film.

www.museele.de    

Es findet ein Begleitsymposium statt.

Filmvorführungen

Im Anschluss an die Filmvorführungen stehen die Beteiligten für Gespräche zur Verfügung.

28.11.2018 | 12:15–13:30 Uhr | Saal New York 3
Durch die Erinnerungen – Wege der Traumatherapie
Die DeGPT produzierte gemeinsam mit der Elfriede-Dietrich-Stiftung diese 3 Filme zu Traumafolgestörungen. Die Filme möchten auf anschauliche Art Informationen und Wissen über mögliche Folgen von traumatischen Ereignissen und über entsprechende Behandlungsmöglichkeiten in der Gesellschaft verbreiten.

28.11.2018 | 13:45–15:15 Uhr | Saal New York 3
Social Media und Suizidprävention? Vorstellung der YouTube-Serie 'Komm, lieber Tod'
Die YouTube-Serie über das suizidale Leben von Stefan Lange hat ein überragendes Feedback der Zuschauer erhalten. Das Ziel der Serie ist das „Lernen aus Lebenserfahrung“. Betroffene schildern, dass sie nach der Serie von ihrem Vorhaben, sich das Leben zu nehmen, Abstand genommen haben. Nicht-Betroffene danken für den tiefen Einblick und wollen ihre Vorurteile gegenüber depressiven Menschen überdenken. Damit leistet die Serie „Komm, lieber Tod“ einen wertvollen Beitrag zur Entstigmatisierung und Prävention.

28.11.2018 | 15:30–17:00 Uhr | Saal New York 3
Du bist das schönste Mädchen
Zwei Notenständer in einem Raum. Dahinter: ein Mann, eine Frau. Er stellt Fragen, sie erzählt von ihrer Kindheit. Vom Missbrauch durch ihren Vater und mehreren anderen Männern, die sie dabei gefilmt haben. Nach und nach zeigt sich ein Leben, das von Missbrauch und sexualisierter Gewalt gezeichnet ist. Das Bild einer erwachsenen Frau wird gezeichnet, die es geschafft hat, trotzdem zu überleben und stark zu sein.

29.11.2018 | 12:00–14:30 Uhr | Saal New York 3
Endlich trocken – Wege aus der Sucht
Menschen aus einer Tagesstätte und einem soziotherapeutischen Wohnheim kommen zu Wort. Einige leiden auch noch an Depressionen, Bipolaren Störungen, Traumatisierungen oder anderen psychischen Problemen. Sie berühren mit ihren Geschichten und zeigen Wege auf, sich von der Sucht zu befreien, um neue Lebenswege zu beschreiten und trotz psychischer Erkrankung nicht zu verzweifeln.

29.11.2018 | 15:30–18:00 Uhr | Saal New York 3
Technisches in der Kunst von Außenseitern – Gustav Mesmer und Co.
Die in bewegenden Bildern umgesetzte Dokumentation von Holger Reile berichtet umfassend über den tragischen Weg Gustav Mesmers vom Mönchsanwärter über 35 Jahre “Irrenanstalt” bis zum “Ikarus vom Lautertal”. Anschließend soll darüber diskutiert werden, wie Kreativität und bildnerischer Ausdruck Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung dabei helfen können, ihr seelisches Erleben auszudrücken, zu verstehen und ihre Lebenssituation ggf. besser zu gestalten. Ein Dokudrama mit Vorträgen und Diskussion als vertiefende Begleitveranstaltung zur Ausstellung.

30.11.2018 | 12:00–14:30 Uhr | Saal A 5
30 junge Menschen sprechen mit sterbenden Menschen und deren Angehörigen
Junge Menschen sollen eine reflektierte Haltung zum Lebensende und zum Tod gewinnen, indem sie mit sterbenden Patienten und deren Angehörigen sprechen. Diese Gespräche werden per Video aufgezeichnet und für eine öffentliche Präsentation aufbereitet. Auf der Präsentation stellen die jungen Menschen ihr Projekt, ihre Erfahrungen und ihre Erkenntnisse aus dem Diskursprojekt öffentlich zur Diskussion. Projektleiter Christian Schulz-Quach begleitet den bewegenden Film und hält einen eindrucksvollen Vortrag zum Umgang mit dem Tod.

30.11.2018 | 12:00–14:30 Uhr | Saal New York 3
SPK Komplex
1970 gründete der Arzt Wolfgang Huber mit seinen Patienten das „Sozialistische Patientenkollektiv“ (SPK). Die antipsychiatrisch ausgerichtete Gruppe kritisierte die damalige Behandlung von psychisch Kranken als „Verwahr-Psychiatrie“ und verknüpfte selbst entwickelte Therapiemethoden mit politischen Forderungen. Das SPK fand schnell viele Anhänger, führte aber auch zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Uni Heidelberg und der baden-württembergischen Landesregierung. Im Zuspitzen des Konflikts radikalisierte sich das SPK, Gerüchte über latente Verbindungen zur RAF wurden laut. Im Anschluss an den Film diskutiert der Regisseur Gerd Kroske mit dem Autor des Buches „Wir wollten ins Verderben rennen“, Christian Pross, der als Zeitzeuge, eine andere Perspektive auf das Geschehene hat. Darüber hinaus werden der Zeitzeuge Helmut Kretz (damaliger Leiter der Heidelberger Psychiatrischen Univ.-Poliklinik und unmittelbarer Vorgesetzter von Herrn Huber) sowie Georg Schomerus (Enkel des damaligen Direktors der Heidelberger Psychiatrischen Universitätsklinik Professor Walter von Baeyer), der sich familiengeschichtlich mit dem SPK auseinandergesetzt hat, in die Diskussion einbezogen.
Zum Trailer

30.11.2018 | 15:30–18:00 Uhr | Saal New York 3
Die Krankheit der Dämonen
In Westafrika gibt es in der traditionellen Gesellschaft keinen Platz für Menschen mit psychischen Krankheiten und Epilepsie. Unreinen Geistern und Dämonen gibt man die Schuld an Ihrer Krankheit, vor deren Ansteckung sich die Menschen fürchten. Sie leben am Rande der Dörfer, in Gebetszentren oder irren unbeachtet umher, oftmals sind sie angekettet oder werden geschlagen. Pfarrer Tankpari Guitanga hat sich zur Aufgabe gemacht, diesen Menschen zu helfen und hat den Hilfsverein YENFAABIMA gegründet, dessen revolutionäre Arbeit noch in den Kinderschuhen steckt und sich alles andere als einfach erweist. LA MALADIE DU DÉMON (Die Krankheit der Dämonen) zeigt hautnah die Situation der Betroffenen und den Alltag derer, die es sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten zur Aufgabe gemacht haben zu helfen.

Autorentisch

29.–30.11.2018 | 10:00–17:00 Uhr | Foyer B

Autorentisch am 29.11.2018

  • Heide Fuhljahn
    Sachbuch: Von WAHN und SINN – Behandler, Patienten und die Psychotherapie ihres Lebens
     
  • Cornelia Schmitz
    Roman: Betreutes Sterben
     
  • Gabi Pertus
    Sachbuch: AUSwege finden – Kinder psychisch kranker Eltern
     
  • Herwig Oberlerchner
    Psychographie: Thomas Bernhard – eine Psychographie
     
  • Klaus-D. Vogt, Burg
    Ohne Wagnis kein Leben

Autorentisch am 30.11.2018

  • Heidi Lehmann
    Roman: Bitterschönes Schicksal
     
  • Barbara Schwarzl
    Sachbuch: Spurensuche – Diagnose Schizophrenie
     
  • Thorsten Sueße
    Kriminalroman: Schöne Frau, tote Frau
     
  • Hartmut Haker
    Erzählung: Auf dem Hügel am Rande der Stadt – Die Aufzeichnungen des Schriftstellers Nikolas Konstantinos
     
  • Svenja Bunt und Sibylle Prins
    Ein gutes Leben und andere Probleme

Der Autorentisch wird durch Lesungen der Schriftsteller ergänzt. Als Betroffene oder Angehörige haben sie ihre persönlichen Geschichten niedergeschrieben und teilen ihre Erlebnisse, um anderen Betroffenen, Angehörigen und Interessierten wertvolle Einblicke zu geben.

Lesungen

29.–30.11.2018  | 12:00–13:00 Uhr | Raum M8

Lesungen am 29.11.2018

  • Heide Fuhljahn
    Fachjournalistin und selbst seelisch krank, erzählt in Von WAHN und SINN die bewegendsten Sitzungen von Psychotherapeuten und Patienten. Im Anschluss an die persönlichen Erfahrungen fasst sie die jeweilige psychische Erkrankung und die durchgeführte Therapie fachlicher versiert, aber immer verständlich zusammen.
     
  • Cornelia Schmitz
    Der spannende Kriminalroman Betreutes Sterben berichtet aus dem Innern der stationären Psychiatrie, und ergreift auf Erfahrungen der Autorin beruhend sehr humorvoll Partei für die Rechte von Patienten. Eingebettet in die witzige und kenntnisreiche Schilderung des Milieus fasst der Plot ein immer wieder heiß diskutiertes Thema in der Psychiatrie auf: den Nutzen von Psychopharmaka.
     
  • Gabi Pertus
    Das Buch AUSwege finden richtet sich vor allem an Betroffene, die selbst mit psychisch kranken Eltern umgehen mussten und Antworten auf ihre Fragen suchen. Die Autorin hat viele Erwachsene interviewt, die in ihrer Kindheit mit einem psychisch kranken Elternteil leben mussten. Die Ergebnisse dieser Interviews stellt sie in ihrem neuen Buch vor und zeigt damit auf, welche Probleme sich für die Eltern-Kind-Beziehung ergeben und wie man damit umgehen kann.
     
  • Herwig Oberlerchner
    Thomas Bernhard ist (auch) ein Fall für die Psychiatrie und Psychotherapie, aber nicht um ihn zu diagnostizieren und zu schubladisieren, sondern um ihn aus dem Wissen um die Psychodynamik aller zutiefst verletzten Menschen heraus, ehrfürchtig und voller Bewunderung zu begegnen, hat er doch für sich und für die Menschheit einen kreativen Weg gefunden, seine schwierige Biographie zu bewältigen und Weltliteratur zu schaffen.

Lesungen am 30.11.2018

  • Heidi Lehmann
    Bitterschönes Schicksal oder als meine Mutter seltsam wurde ist ein einfühlsamer und berührender Roman, der aus der Perspektive der sechzehnjährigen Moira erzählt, welche Auswirkung die psychische Erkrankung der Mutter auf die gesamte Familie hat, und welche Last betroffene Kinder zu tragen haben. Im Verlauf der Handlung lernt Moira, dass ihr Leben trotz allem lebenswert ist, aber auch, dass sie das Schicksal ihrer Mutter nicht ändern kann.
     
  • Barbara Schwarzl
    Spurensuche - Diagnose Schizophrenie ist ein Sachbuch in Romanform, denn Barbara Schwarzl hat mit diesem Werk einen Spagat gewagt. Als Rahmenhandlung hat sie das Leben ihrer Protagonistin mit einem an Schizophrenie erkrankten Vater gewählt, klärt aber auf der anderen Seite sehr detailliert über diese Krankheit auf.
     
  • Thorsten Sueße
    Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin legt in seinem neuen Werk Schöne Frau, tote Frau Wert auf eine sich durchweg steigernde Spannung und eine authentische Darstellung psychiatrischer Krankheitsbilder. Inhaltlich dreht sich der Roman um eine Mordserie. Offensichtlich sucht sich der Täter seine Opfer gezielt aus, bevor er sie überwältigt, fesselt und anschließend erdrosselt. Neben jeder Toten lässt er ein Grablicht und eine Spielkarte zurück. Die ermordeten Frauen kommen aus dem Umfeld einer renommierten psychiatrischen Privatklinik.
     
  • Hartmut Haker
    Auf dem Hügel am Rande der Stadt – Die Aufzeichnungen des Schriftstellers Nikolas Konstantinos
    : Ein psychisch erkrankter Autor, ein 1000 Jahre alter Benediktinermönch, ein griechischer Schriftsteller – verwoben in den Geschichten ihres Lebens – über allem der Kampf gegen die Stigmen, die unsere Welt über Gruppen von Menschen verbreitet.
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